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29.06.2012 Newsletter

Berlin, 29. Juni 2012 234/12 Mitteilung für die Presse

Rede des Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands
Sigmar Gabriel
zum Gesetz zum Fiskalpakt und zum „ESM-Ratifizierungsgesetz“
am Freitag, dem 29. Juni 2012, im Deutschen Bundestag.
- Es gilt das gesprochene Wort -

Und damit es gleich am Anfang klar ist:

• Wir finden die Wachstumsbeschlüsse des EU-Gipfels richtig.
• Wir freuen uns darüber, dass neben Wachstumsprogrammen die Finanzmarkttransaktionssteuer endlich auf den Weg gebracht wird. Beides wäre ohne den Druck von SPD und Bündnis/90 Die Grünen nicht möglich gewesen!
• Wir halten den Auftrag zur Schaffung einer europäischen Bankenaufsicht für den richtigen Weg.
Und um auch das Thema Euro-Bonds gleich am Anfang zu klären:

Ihr Kollege Schäuble hat Recht, wenn er zur Frage der Schaffung von Euro-Bonds in dieser Woche im SPIEGEL antwortet, dass dazu erst eine echte Fiskalunion geschaffen und ein europäischer Finanzminister geschaffen werden müsse. Dem stimmen wir auch ausdrücklich zu.

Allerdings, Frau Bundeskanzlerin, gibt es zwischen dieser Aussage des Kollegen Schäuble und Ihren Bedingungen an Euro-Bonds eine – sagen wir mal – leichte Differenz. Herr Schäuble hält es laut SPIEGE –Interview für möglich, das innerhalb der kommenden 5 Jahre zu schaffen.

Sie dagegen sollen gesagt haben, Euro-Bonds gäbe es nicht, solange sie am Leben seien. Ich hoffe doch, dass Herr Schäuble Ihnen – ebenso wie wir – ein viel längeres Leben wünscht als nur noch fünf Jahre.

Mein Vorschlag: Wir lassen diese Schein-Debatte um Euro-Bonds, denn in Wahrheit haben wir sie ja bereits: Mehr als 1 Billion € hat die Europäische Zentralbank parallel zu allen Rettungsschirmen still und heimlich an direkter Staatsfinanzierung geleistet. Und wer haftet dafür: natürlich wir alle hier in Deutschland mit annähernd 400 Mrd €.

Und das wurde und wird ja von Ihnen, Frau Bundeskanzlerin, auch gewollt. Deshalb heißen diese getarnten Euro-Bonds auch zu Recht „Merkel-Bonds“.

Es gibt sie also längst, die vergemeinschafteten Schulden.

Und das, obwohl Sie, Frau Merkel, sich Gott sei Dank bester Gesundheit erfreuen.

Schlimm dabei ist allerdings, dass es – anders als bei echten Euro-Bonds - ganz ohne Auflagen passiert. Deutschland haftet für diese vergemeinschafteten Schulden mit fast 400 Mio €, ohne dass wir irgendeine Kontrolle darüber hätten, was diese Länder damit tun.

Deshalb ist auch ein weiterer Beschluss des Europäischen Rates von gestern zumindest ein Fortschritt: Sie lassen für Staaten der Euro-Zone eine Senkung des Zinsdrucks über die europäischen Rettungsschirme für die Fälle zu, bei denen die betreffenden Staaten die europäischen Auflagen für ihre wirtschaftliche Entwicklung und Finanzlage einhalten und es deshalb keinen Anlass für überhöhte Zinsforderungen an den Kapitalmärkten gibt.

Das ist mehr, als SPD und Grüne in den Verhandlungen mit der Bundesregierung durchsetzen konnten.

Es ist gut, Frau Bundeskanzlerin, dass Sie diesem Kompromiss beim Europäischen Rat zugestimmt haben. Es bremst den Druck auf die Ausgabe weiterer „Merkel-Bonds“ durch die EZB und lindert den Zinsdruck auf die Euro-Staaten.

Wir jedenfalls werfen Ihnen nicht vor, dass Sie sich an dieser Stelle bewegt haben.

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, seit Ihrem erfolgreichen Einsatz im französischen Präsidentschaftswahlkampf, seit dem Amtsantritt des neuen sozialistischen Präsidenten Frankreichs, Francois Hollande, hören wir von Ihnen, dass Schuldenabbau und Wachstum zusammen gehören.

Bravo! Das sehen wir auch so.

Allerdings frage ich Sie: Warum haben Sie eigentlich fast drei Jahre nicht eine einzige Wachstumsinitiative auf den Weg gebracht?

Können Sie uns verraten, Frau Bundeskanzlerin, warum in den letzten Jahren ihrer Kanzlerschaft auf diesen 24 Gipfeln alles Mögliche beschlossen wurde, nur nichts darüber, wie wir die europäische Volkswirtschaft stabilisieren können und wieder für Wachstum und Arbeitsplätze sorgen?

Es kann nicht sein, dass wir für die Frage der Verschuldung „harte“ Regeln haben, und uns im Bereich von Wirtschafts-, Steuer- und Sozialpolitik mit unverbindlichen Gesprächsrunden mit so schillernden Begriffen wie der „offenen Koordinierung“ begnügen müssen!

Frau Bundeskanzlerin, seit drei Jahren erleben wir Gipfel auf Gipfel, bei dem Sie für sich in Anspruch nehmen, Europa die Richtung vorzugeben. Ihr Fraktionsvorsitzender fasste das in der ihm eigenen Art der vornehmen Zurückhaltung in den Satz zusammen: „In Europa wird jetzt deutsch gesprochen.“

Schauen wir uns nun einmal an, was das Ergebnis Ihres „Deutschunterrichts“ in Europa ist:

• Das wirtschaftliche Wachstum ist in den letzten drei Jahren in Europa eingebrochen.

• Die Schulden, die Sie ja angeblich senken wollten, sind in den letzten drei Jahren in Europa um 1.100 Mrd € gestiegen.

• Und die Jugendarbeitslosigkeit ist in den letzten drei Jahren in Europa auf fast ein Viertel aller Jugendlichen gestiegen. In manchen Ländern ist es die Hälfte aller jungen Menschen.

Europa ist dabei, eine verlorene Generation zu produzieren. Die gleiche Generation, die Europa weiterbauen soll. Das ist vielleicht die schlimmste Bilanz all dessen, was wir erleben mussten.

Impressum:
(V.i.S.d.P)
Heike Raab, MdL
SPD Landesverband Rheinland-Pfalz
Klarastr. 15a, 55116 Mainz
Postfach 37 46, 55027 Mainz
Tel: 06131 / 27061-0, Fax: 06131 / 27061-27

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