14.12.2010 SPD-Pressestelle

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Gabriel

Rede Sigmar Gabriel bei der Afghanistan-Konferenz in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Gäste,

zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres lädt die SPD heute zu ihrer Konferenz über die Lage in Afghanistan, den internationalen Einsatz dort und die deutsche Beteiligung ein. Die SPD ist damit die einzige Partei in Deutschland, die sich mit diesem schwierigen Thema öffentlich auseinandersetzt bevor sie zu Entscheidungen über die Entsendung deutscher Soldatinnen und Soldaten im deutschen Bundestag entscheidet.

Das zeigt auch, dass die Mandatsverlängerung der Bundeswehr für die SPD kein „Selbstläufer“ oder „Automatismus“ existiert, sondern dass wir immer wieder die Situation vor Ort, Fortschritte und Rückschritte in der Entwicklung beurteilen und zum Maßstab der Rechtfertigung und Sinnhaftigkeit der deutschen Beteiligung an diesem internationalen Einsatz machen müssen.

Niemand nimmt uns diese Aufgabe ab. Weder die ISAF-Entscheidungen der UN, noch der Präsident der vereinigten Staaten oder der afghanische Präsident und auch nicht die militärische Führung der Bundeswehr oder die deutsche Bundesregierung.

Und weil diese Entscheidung über die Beteiligung Deutschlands am internationalen Einsatz in Afghanistan eine so große Tragweite hat – für die Menschen in Afghanistan und den angrenzenden Regionen ebenso wie für unsere Soldatinnen und Soldaten und die Sicherheit unserer eigenen Bevölkerung – muss die Debatte vom allem Ernsthaftigkeit und Gewissenhaftigkeit prägen.

Denn kaum eine Entscheidung eines Abgeordneten im deutschen Bundestag ist so sehr eine Gewissensentscheidung wie die Abstimmung über den Einsatz militärischer Gewalt. Es sind Entscheidungen über Leben und Tod. Deutscher Soldaten und ziviler Helfer und ihrer Verbündeten wie auch vieler Menschen in der afghanischen Bevölkerung.

Ich bin sicher, dass alle, die hier sind, sich bewusst sind, welch eine enorme Verantwortung wir für die Frauen und Männer tragen, die wir als politisch Verantwortliche nach Afghanistan entsenden. Vor allem junge Menschen, die dort tagtäglich ihr Leben riskieren, um anderen zu helfen. Diesen mutigen Helfern, den Soldatinnen und Soldaten, den Polizisten und zivilen Mitarbeitern und ihren Familien gebührt unser aufrichtiger Dank.

Wir trauern auch vor den 44 deutschen Soldaten, die ihr Leben für Afghanistan verloren haben. Sie haben ihr Leben verloren, im Dienste für Andere. Es ist unsere Pflicht, dass wir uns um die Hinterbliebenen kümmern, genauso wie um die, die zurückgekommen sind und die physisch oder psychisch unter den Folgen des Einsatzes zu leiden haben.

Wir tragen Verantwortung für das Land am Hindukusch, das auf internationale Unterstützung angewiesen ist, um auf die Beine zu kommen. Für die Kinder und Frauen, die am meisten unter der Repression zu leiden hatten und von denen viele erst jetzt eine Perspektive für ihr Leben sehen, eine Chance für ein selbstbestimmtes Leben und auf Bildung.

Wir tragen Verantwortung für die im Land, die sich auf unsere Zusagen verlassen, die sich vor Ort zivilgesellschaftlich engagieren und die wegen dieses Engagements auf Schutz angewiesen sind.

Und wir tragen selbstverständlich Verantwortung - und dies hängt unmittelbar mit dem Einsatz in Afghanistan zusammen - für den Schutz und die Sicherheit unserer eigenen Bevölkerung.

All dieser Verantwortung müssen wir uns stellen und wir dürfen dies nicht leichtfertig oder im Vorübergehen tun. Denn es gibt keine einfache Lösung, keinen Königsweg. Die neun Jahre im Kampfeinsatz in Afghanistan sollten uns bescheiden machen in unserer vermeintlichen Sicherheit und uns nicht so tun lassen, als hätten wir Gewissheit.

Wir wollen es uns also auch in diesem Jahr nicht einfach machen. Aber wir sind stolz darauf, dass wir im letzten Jahr mit unseren Entscheidungen über die weitere Beteiligung Deutschlands offenbar eine richtige strategische Einschätzung vorgenommen haben.

Denn inzwischen ist das, was die SPD vor einem Jahr eingefordert hat und was mehr als umstritten war, die reale Beschlusslage in vielen Staaten geworden, die am ISAF Einsatz beteiligt sind.

Konzentration auf die Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte und schrittweise Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die Verantwortlichen in und aus Afghanistan.

Erhöhung der Mittel für den zivilen Aufbau.

Beginn der schrittweisen Reduzierung der Truppenstärken im Jahr 2011.

Übergabe der Sicherheitsverantwortung und Beendigung der Beteiligung internationaler Streitkräfte – also auch der deutschen - an Kampfhandlungen im Jahr 2013 - 2015.

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