28.10.2010 SPD-Pressestelle

Email der SPD-Pressestelle

Rede des Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands
Sigmar Gabriel
zur Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken

am Donnerstag, dem 28. Oktober 2010, im Deutschen Bundestag.

- Es gilt das gesprochene Wort -

Vor etwa 8 ½ Jahren wurde an diesem Ort, von diesem Parlament die Entscheidung getroffen, das nukleare Risiko des Betriebs von Kernkraftwerken in Deutschland ein für alle Mal zu beseitigen.

Gleichzeitig und verbunden mit dieser Entscheidung begann der Siegeszug der erneuerbaren Energien in Deutschland. 300.000 Arbeitsplätze, qualifiziert, gut bezahlt und zukunftssicher haben wir seither bei den erneuerbaren Energien geschaffen. Das ist das Zehnfache der Arbeitsplätze in der Atomenergie.

• Statt diese Erfolgsgeschichte fortzusetzen,
• statt aus 300.000 in den kommenden Jahren 600.000 neue Arbeitsplätze in den erneuerbaren Energien zu
schaffen
• und statt zu zeigen, dass Klimaschutz und wirtschaftlicher Erfolg, Arbeit und Umwelt zusammen passen
und eben keine Widersprüche sind,

haben Angela Merkel und Guido Westerwelle nichts anderes im Sinn, als den alten Dinosauriern der Energiewirtschaft, vier großen Atomkonzernen bis zu 100 Milliarden EURO zuzuschustern und damit jeden Anreiz drastisch zu verringern, in den kommenden Jahren in erneuerbare Energien in Deutschland zu investieren.

Vorhin haben wir des Todes von Hermann Scheer gedacht. Auch in seinem Namen verspreche ich Ihnen: Diese Rolle rückwärts in der Energiepolitik werden wir spätestens nach der nächsten Bundestagswahl stoppen.

Denn was immer sie hier erzählen, welche Märchen sie über ihre angebliche Atom-Brückentechnologie sie verbreiten, in Wahrheit zerstören sie die Investitionsanreize in die Erneuerbaren Energien in Deutschland.

Niemand investiert in Zukunft Milliarden in Windparks vor der deutschen Nordseeküste, wenn er nicht weiß, ob er seinen Strom auch ins Netz bekommt.

Sie, die sich immer so sehr als Vertreter des technischen Fortschritts aufspielen, sie vertreten die Technik von gestern und verspielen Fortschritt und Zukunft für unser Land.

Aber das alles ist Ihnen ja egal. Ihnen sind auch die vielen hunderttausend Menschen egal, die sich gegen diese Reise in die Vergangenheit wehren. In nur wenigen Wochen hat die Initiative Avaaz z.B. 170.000 Unterschriften gegen Ihre Rolle rückwärts in der Energiepolitik gesammelt. Sie merken gar nicht, wie sie einen gesellschaftlichen Großkonflikt wieder beleben, den wir in mühsamer jahrelanger Arbeit beigelegt hatten.

• Sie spalten die Gesellschaft, wo sie geeint war.
• Und Sie verbeugen sich vor der Macht großer Konzerne, wo sie das Gemeinwohl schützen müssten.

Das ist der Charakter dieser Regierung: von Mövenpick über die Pharmalobby, vom Bankensektor bis zur Atomwirtschaft.

Und zu all dem sagt der Bundesumweltminister Ja und Amen. Sagen Sie mal Herr Röttgen, kennen Sie eigentlich die Verfassung unseres Landes? Darin steht, dass Sie als zuständiger Minister die Verantwortung tragen für Ihren Aufgabenbereich. Die kann Ihnen keiner abnehmen, nicht mal die Kanzlerin oder der Koalitionsausschuss.

Und Ihre Amtsbezeichnung lautet Minister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Und dieser Titel hat eine große Bedeutung, denn die Risiken des Betriebs von Kernkraftwerken bestehen nach wie vor. Das zeigen auch die Erfahrungen der letzten zehn Jahre. Wir erinnern uns doch alle noch an die massiven Probleme und Vorfälle in den Atomkraftwerken Brunsbüttel, Bibils, Krümmel oder Philippsburg. Das sind nur einige Beispiele der Vorfälle der letzten Jahre.

Jedes der genannten Ereignisse hätte sich zu einer Katastrophe entwickeln können, unabhängig davon wie klein die Wahrscheinlichkeit ist. Und es konnte und kann jeden Tag geschehen.

Wie konnten Sie, Herr Röttgen, es angesichts dieser brisanten Aufgabe zulassen, dass der Finanzminister und das Kanzleramt mit den Atomkraftwerksbetreibern über Reaktorsicherheit verhandeln, und Sie nicht mal eingeladen sind?

Wie können Sie zulassen, dass Laufzeitverlängerungen vereinbart werden, ohne vorher zu klären, ob dafür überhaupt die wichtigste Frage geklärt wurde: sind diese alten Reaktoren eigentlich sicher und für 10, 12 oder 14 Jahre längere Laufzeiten geeignet?

Nach Ihrem Gesetzentwurf der Bundesregierung sollen die alten Reaktoren, auch die aller ältesten und störanfälligsten unter ihnen, wie Biblis und Brunsbüttel, wie Isar und Neckarwestheim weiterbetrieben werden. Ihnen wird durch die vorgelegte Atomgesetznovelle quasi eine neue Genehmigung erteilt. Doch eine Genehmigung ohne Genehmigungsprüfung. Denn genau diese würden diese Reaktoren nicht bestehen.

Sie wollen ja angeblich ein Nachrüstprogramm auflegen. Ein Nachrüstprogramm, das so lange Zeiträume vorsieht, dass die alten Anlagen selbst nach Ihrer Laufzeitverlängerung schon wieder zum Abschalten anstehen, bevor die Nachrüstung beginnen kann.

Aber die eigentliche Frage lautet doch: Woher wissen

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