06.12.2010 SPD-Pressestelle Rede Sigmar Gabriel

Email der SPD-Pressestelle

Rede des Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands
Sigmar Gabriel
bei der Veranstaltung:
„Die Ostverträge - Ein Meilenstein auf dem Weg zu einem freien Europa“
am Montag, dem 6. Dezember 2010, im Willy-Brandt-Haus, Berlin.

Ich freue mich, Sie heute bei dieser ganz besonderen Veranstaltung im Willy-Brandt-Haus begrüßen zu können.

Der Anlass für unser Treffen ist ein historisches Datum. Es liegt morgen genau 40 Jahre zurück, dass Willy Brandt mit einer schlichten Geste Geschichte geschrieben hat.

Am 7. Dezember 1970 besucht Bundeskanzler Willy Brandt das Denkmal der Helden des Ghettos, ein Ehrenmal für die Opfer des Aufstands im jüdischen Ghetto von 1943.

Nachdem Brandt dort einen Kranz niedergelegt hat, kniet er, überraschend für alle Anwesenden, aber auch für sein engstes Umfeld, auf dem nassen Boden vor dem Mahnmal nieder. Das Bild eines knieenden deutschen Kanzlers, der selbst als junger Sozialdemokrat vor der Nazi-Barbarei fliehen musste, hat sich für immer in das kollektive Gedächtnis Deutschlands fest eingebrannt. Es ist zu einer politischen Ikone des 20. Jahrhunderts geworden.

Mit seinem Kniefall – so habe ich das immer selbst empfunden – bat Willy Brandt stellvertretend für sein Land um Vergebung für die Verbrechen von Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Auch Egon Bahr, der heute bei uns ist, hat diese Geste als Eingeständnis historischer Schuld gedeutet. Für Egon Bahr war der politische Exilant und NS-Gegner Willy Brandt – ich zitiere:

„… einer, der frei von geschichtlicher Schuld, geschichtliche Schuld seines Volkes bekannte …“

Willy Brandt selbst hat diese Geste später mit einem einfachen Gefühl begründet – ich zitiere:

„Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“

Nie zuvor, und selten danach hat ein demokratischer Staatsmann nur mit einer Geste und nicht mit der Kraft der Sprache Versöhnung zwischen den Völkern erbeten. Seit 1970 hat sich vieles gewandelt: Die christdemokratische Opposition hat damals laut geschrien: „Ausverkauf deutscher Interessen“; „Gebietsabtretungsvertrag“; oder: „Verhökern des Rechts auf Heimat“. Die Vorwürfe gegen Willy Brandt reichten bis zum Landesverrat. Heute gibt es keine Kontroverse mehr über den Kniefall.

Für viele hat sich in dieser Geste auch etwas anderes ausgedrückt, ganz nah an Brandts Politik. Sein Credo war, dass Deutschland für immer ein friedlicher Teil Europas und ein Volk „guter Nachbarn“ für alle anderen europäischen Völker sein solle.

Deshalb symbolisiert kein anderes Zeichen so sehr den Aufbruch zu Entspannung, Abrüstung und Frieden mit Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion, wie der Kniefall Willy Brandts vor dem Denkmal der Helden des Warschauer Ghettos. Diese Geste hat im Übrigen die Herzen der Menschen in Polen erreicht, gar nicht so sehr die der Machthaber. Sie hat damit die Tür nach Mittel- und Osteuropa einen Spalt geöffnet. 1989 und 1990 haben Menschen überall in Europa diese Tür dann ganz weit auf gestoßen. Diese Geste
war darum der erste Schritt zur Erweiterung der Europäischen Union nach Mittel- und Osteuropa. Willy Brandt ist für seine Politik mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden.

Diese Anwürfe von Seiten der damaligen Opposition zeigen, wie sehr sich der Umgang mit dem Nationalsozialismus seit 1970 in Deutschland verändert hat. Ich will nicht behaupten, das habe allein an Willy Brandts Geste und seiner Ostpolitik gelegen. Aber dem Kniefall folgte eine intensive Beschäftigung mit dem NS-Staat in Deutschland. Und er löste eine intensive Diskussion über die Neue Ostpolitik und ihre Begründung aus. Diese Diskussion hat vieles völlig verändert. Sie war eine Öffnung zu einem
weltoffeneren und friedlichen Deutschland in Europa.

Noch heute kennen viele das Foto des niederknieenden Willy Brandt. Diese Geste ist damit zu einem Symbol für ein anderes, besseres Deutschland geworden – ein Deutschland, das in einem freundschaftlichen Verhältnis mit seinen Nachbarn im Osten lebt. Und ich füge hinzu: ein Deutschland, das zu einem bewussten Umgang mit seiner Vergangenheit fähig ist.

Ganz zu Anfang der von Willy Brandt angedachten und vorangetriebenen Entspannungspolitik stand die Hoffnung auf einen „Wandel durch Annäherung“: Egon Bahr hat diese Formel geprägt. Ich bin überzeugt, dass der Wandel sehr viel weiter ging, als es die Architekten der Entspannungspolitik erwartet hatten. Egon Bahr als kann dazu sicher noch einiges sagen.

Von heute aus betrachtet kann ich auch sagen: Es war die Annäherung, die den Wandel in Gang gesetzt hat! Keines der Länder, mit denen die Bundesrepublik in den frühen 70er Jahren erste Verträge abschloss, ist heute mehr eine Diktatur. Deutschland wurde 1990 in Freiheit vereinigt, friedlich und in Freundschaft mit allen seinen Nachbarn. Wann hat es das in der deutschen Geschichte zuvor gegeben?

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