10.01.2011 SPD-Pressestelle

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Wie weiter in Afghanistan? Bilanz und Perspektiven nach einem Jahr Strategiewechsel

Der Parteivorstand der SPD hat im Rahmen der SPD-Jahresauftaktklausur in Potsdam einstimmig folgenden Beschluss gefasst:

I. Ausbildung, Aufbau, Aussöhnung - unser Konzept für Afghanistan

Seit Anfang 2002 ist Deutschland im Rahmen internationaler Missionen und auf der Grundlage von Beschlüssen des UN-Sicherheitsrates in Afghanistan engagiert. Die Bundeswehr erfüllt seit mittlerweile neun Jahren ihren Auftrag in Afghanistan, der Deutsche Bundestag hat den Einsatz seither jedes Jahr mit breiter Mehrheit mandatiert.

45 deutsche Soldaten haben in Afghanistan ihr Leben verloren, viele wurden zum Teil schwer verletzt oder leiden erheblich unter den psychischen Belastungen, die mit dem Einsatz verbunden sind. Tausende zivile Helfer riskieren jeden Tag ihr Leben, um Afghanistan zu einer besseren Zukunft zu verhelfen. Sie alle, aber auch die Menschen in Deutschland insgesamt, haben einen Anspruch darauf zu erfahren, wie das internationale Engagement in Afghanistan zu einem nachhaltigen Erfolg geführt werden kann und wie
lange der militärische Einsatz in Afghanistan noch dauern wird.

Über viele Jahre hat die SPD in unterschiedlichen Regierungsbündnissen Verantwortung für das deutsche Afghanistan-Engagement getragen. Zu dieser Verantwortung stehen wir auch als größte Oppositionspartei. Zu Beginn des Jahres 2010 haben wir in intensiven Beratungen innerhalb unserer Partei, in öffentlichen Konferenzen überall im Land, in zahllosen Gesprächen mit Experten aus dem In- und Ausland, mit Soldatinnen und Soldaten, zivilen Hilfsorganisationen und Vertretern der afghanischen Regierung und
Zivilgesellschaft ein Konzept für die Neuausrichtung des deutschen Afghanistan-Engagements mit folgenden Kernpunkten entwickelt:

• Entschiedene Steigerung der Anstrengungen für den zivilen Wiederaufbau und Verdopplung der entsprechenden Haushaltsmittel,
• Verstärkung der Ausbildung der afghanischen Polizei und Armee, Neuausrichtung des deutschen ISAF-Kontingents auf diese Aufgabe und deutliche Erhöhung der Zahl der Polizeiausbilder,
• Intensivierung der Bemühungen um eine politische Lösung des Konfliktes, Unterstützung der innerafghanischen Aussöhnung und Entwicklung konkreter Initiativen zur regionalen Stabilisierung der Lage,
• keine weiteren Kampftruppen, stattdessen – aufbauend auf Fortschritten beim zivilen Wiederaufbau und bei der Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte – Beginn der Übergabe beruhigter Zonen in afghanische Verantwortung,
• Übergabe der vollen Verantwortung für die Sicherheit im Land an die afghanischen Sicherheitskräfte bis 2014 gemäß dem von Präsident Karzai selbst gesetzten Ziel,
• Beginn der Reduzierung des deutschen ISAF-Kontingents in 2011, analog zur Ankündigung des amerikanischen Präsidenten Obama, und Beendigung des Einsatzes der Bundeswehr im Rahmen von ISAF im Korridor 2013 bis 2015.

II. Internationaler Konsens: Abzug in Verantwortung

Mit unserer Position haben wir die neue deutsche Afghanistan-Politik maßgeblich geprägt. Die Bundesregierung hat sich in ihrem Ende Januar 2010 vorgelegten neuen Afghanistan-Konzept und in ihrem Antrag zur Verlängerung der deutschen Beteiligung an ISAF die meisten unserer Forderungen zu eigen gemacht.

Der vom Bundestag mit breiter Mehrheit vollzogene und bei der Londoner Afghanistan-Konferenz Ende Januar 2010 auch auf internationaler Ebene eingeleitete Strategiewechsel hat ein neues Momentum für das internationale Afghanistan-Engagement erbracht. Es gibt einen inzwischen breit getragenen internationalen Konsens, den militärischen Kampfeinsatz in einem überschaubaren Zeitraum bis zum Jahr 2014 zum Ende zu führen und alle erforderlichen Mittel und Instrumente zu aktivieren, um dies zu erreichen.
Wir fühlen uns durch die internationale Entwicklung in unserer Position bestätigt. Es besteht eine realistische Chance, den seit neun Jahren andauernden Einsatz der Bundeswehr auf verantwortungsvolle Weise und in Abstimmung mit den internationalen Partnern in absehbarer Zeit zu beenden. Voraussetzung ist, dass beim Strategiewechsel Kurs gehalten wird. Das militärische Engagement muss schrittweise in den Hintergrund rücken, der Wiederaufbau, die wirtschaftliche Entwicklung und eine nachhaltige politische
Regelung des Konfliktes müssen noch stärker in den Mittelpunkt der internationalen Bemühungen gestellt werden; die gewählte afghanische Regierung muss hier ihrer politischen Verantwortung gerecht werden.

III. Licht am Ende des Tunnels? Bilanz des letzten Jahres

Im Zuge der Entscheidung über die Verlängerung des ISAF-Mandates im Februar letzten Jahres haben wir die Bundesregierung aufgefordert, die Folgen und Wirkungen des Strategiewechsels einer unabhängigen wissenschaftlichen Evaluation zu unterziehen.

Die Bundesregierung hat unseren hierzu ins Plenum des Bundestages eingebrachten Antrag nicht unterstützt, allerdings Ende 2010 einen ausführlichen Fortschrittsbericht vorgelegt, dessen Ergebnisse wir bis zur Mandatsentscheidung Ende Januar sorgfältig prüfen werden. Eine umfassende Evaluierung des Einsatzes unter Einbeziehung wissenschaftlicher Expertise ist von der Bundesregierung für Mitte 2011 angekündigt.

Eine unabhängige und umfassende Analyse der Erfolge und Misserfolge des Strategiewechsels steht damit noch aus. Dennoch ist erkennbar, dass es in den vergangenen Monaten einige substantielle Veränderungen gegeben hat und die Weichen neu gestellt wurden. Die Bilanz der vergangenen Monate weist noch immer Licht und Schatten auf.

Das internationale Umfeld: Bei der Londoner Konferenz am 28. Januar 2010 haben sich die afghanische Regierung und die internationale Gemeinschaft auf einen gemeinsamen Fahrplan für das weitere Vorgehen bei der Befriedung und dem Wiederaufbau Afghanistans verständigt und erstmals einen klaren Zeithorizont für die Übergabe der Sicherheitsverantwortung in afghanische Hände benannt. Die Kabul-Konferenz im Juli 2010 hat die in London beschlossenen Vorgaben mit konkreten Programmen und Zeitplänen unter
anderem für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes, für die Verbesserung der Regierungsführung, die Bekämpfung von Korruption und Drogenkriminalität sowie den Prozess der innerafghanischen Aussöhnung unterlegt. Der NATO-Gipfel in Lissabon im November 2010 schließlich hat klare zeitliche Vorgaben für die Übergabe der Sicherheitsverantwortung gesetzt, die in 2011 begonnen wird und bis zum Jahr 2014 abgeschlossen sein soll.

Mit diesen drei Konferenzen ist der Rahmen für das weitere Engagement der internationalen Gemeinschaft abgesteckt und die Selbstverpflichtungen der afghanischen Regierung erstmals mit konkreten Aktionsplänen verbunden worden, die es ermöglichen, in Zukunft sehr präzise Fortschritte und Defizite zu identifizieren.

Entwicklung der Sicherheitslage: Die Sicherheitslage in Afghanistan ist nach wie vor kritisch. Die Zahl der sogenannten „sicherheitsrelevanten Zwischenfälle“ hat sich gegenüber dem Vorjahr noch einmal deutlich erhöht. Die Zunahme ist nicht zuletzt auf die vorübergehende Aufstockung der ISAF-Truppen auf jetzt insgesamt rund 140.000 Soldaten zurückzuführen, die dem Ziel dient, Taliban und andere Aufständische zurückzudrängen. Dies scheint in den vergangenen Monaten tatsächlich gelungen.
Allerdings kommt es jetzt darauf an, sich nicht allein auf militärische Operationen zu konzentrieren, sondern die erzielten Teilerfolge durch politische und wirtschaftliche Maßnahmen so abzusichern, dass die Bevölkerung in den Gebieten, in denen die Taliban zurückgedrängt wurden, Vertrauen in die Nachhaltigkeit dieser Entwicklung bekommt. Nur dann wird der eingeschlagene Weg am Ende auch erfolgreich sein. Der Erfolg hängt auch davon ab, ob die afghanische Armee bereits zahlenmäßig und qualitativ in
der Lage ist, für Sicherheit in den betroffenen Gebieten zu sorgen. Im Frühjahr 2011 wird sich zeigen, ob und wie weit das bereits der Fall ist.

Nach wie vor konzentriert sich die überwiegende Anzahl der Anschläge und Gefechte vor allem auf den Süden und Osten des Landes. Aber auch in der Nordregion, die durch die veränderten Transportwege von ISAF an strategischer Bedeutung gewonnen hat, ist die Sicherheitslage in einzelnen Gebieten nach wie vor kritisch.

Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte: Die Ausbildung der Afghan National Army (ANA) und der Afghan National Police (ANP) steht im Fokus der neuen Strategie. Die Umstrukturierung des deutschen ISAF-Kontingents und die Aufstellung zweier sogenannter Ausbildungs- und Schutzbataillone war ein wesentlicher Kern der Neuausrichtung des Afghanistan-Einsatzes auch der Bundeswehr. Die Umstrukturierung hat erhebliche Zeit in Anspruch genommen. Erst im Herbst letzten Jahres ist es gelungen, die Einsatzbereitschaft des zweiten Ausbildungs- und Schutzbataillons herzustellen. Die Zahl der Ausbilder konnte damit gegenüber 2009 mehr als verfünffacht werden. Erst seit wenigen Wochen hat die Bundeswehr die neue Struktur eingenommen und befindet sich mit knapp 5000 Soldatinnen und Soldaten im Einsatz, hat also die zuletzt mandatierte Obergrenze nahezu ausgeschöpft. Die flexible Reserve wurde im bisherigen Mandatszeitraum nicht in Anspruch genommen und offenbar nicht benötigt.

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