06.12.2011 SPD-Pressestelle

Email der SPD-Pressestelle

Rede Peer Steinbrück auf dem SPD-Bundesparteitag

- Es gilt das gesprochene Wort -

Ich möchte zunächst gerne Sigmar Gabriel herzlich zur Wiederwahl zum Parteivorsitzenden gratulieren. Nach zwei Jahren schwieriger Tätigkeit ein so gutes Ergebnis zu erzielen, lieber Sigmar, das stärkt dich, aber das stärkt auch die Partei. Hättest du ein noch besseres Ergebnis erzielt, dann würde ich dich jetzt Erich nennen, aber mit den 91,5 Prozent kannst du und kann die Partei wunderbar leben.

Ich möchte auch allen wiedergewählten, neugewählten Mitgliedern des Parteivorstandes herzlich zur Wahl gratulieren. Ich wünsche ihnen den Mut, die Dinge zu ändern, die sie ändern können, die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die sie nicht ändern können, und die Weisheit, das Erste vom Zweiten zu unterscheiden.

Die Politik, ist – ich muss hinzufügen: wieder einmal - bei den großen Fragen angekommen. Zwanzig Jahre nach der deutschen und damit auch nach der europäischen Wiedervereinigung findet dieser Parteitag zu einer Zeit statt, die sehr grundsätzliche Frage aufwirft:
Zerfällt die Europäische Union in eine losen Staatenverbund, reduziert auf einen Binnenmarkt – jeder steht für sich allein -, oder gehen wir weiter den Weg der europäischen Integration vor dem Hintergrund erheblicher politischer, ökonomischer Veränderungen in den globalen Gewichtsklassen? Schafft sich die Europäische Union als Konsequenz aus dieser Krise neue politische Strukturen und vor allen Dingen auch weitergehende demokratische Verfahren? Wie entwickeln sich die Wirtschaft und die
Gesellschaft unter dem Einfluss – fast hätte ich gesagt: unter dem Diktat - entgrenzter und entfesselter Finanzmärkte? Bei wem liegt eigentlich der Taktstock des Geschehens? Nehmen die Fliehkräfte in unserer Gesellschaft zu, möglicherweise sogar mit einer Gefährdung der inneren Friedfertigkeit unserer Gesellschaft, oder gelingt es uns, den Zusammenhalt dieser Gesellschaft zu erhalten? Sind wir uns der sehr weit reichenden sozialen, ökonomischen, gesellschaftlichen und auch ökonomischen Konsequenzen
der demografischen Entwicklung bewusst, oder stehen wir plötzlich an der Wand, weil wir feststellen, dass diese Demografie die finanziellen Grundlagen dieses Kulturgutes des Sozialstaates zerfrisst? Ist die Politik – namentlich das Parteiensystem - in der Lage, das Vertrauen und das Zutrauen der Bürger zurückzugewinnen, oder erodiert dies weiter mit einer Gefährdung der demokratischen Substanz unserer Gesellschaft?

Es hat über alle Jahrzehnte der deutschen Nachkriegsgeschichte hinweg bestimmt nicht an Herausforderungen gefehlt, und die SPD hat ihren Beitrag geleistet, diese Herausforderungen zu meistern. Wo stünde die Bundesrepublik Deutschland heute ohne die teilweise bitteren Reformen und Maßnahmen in der Regierungszeit von Gerhard Schröder und ohne die Beiträge sozialdemokratischer Minister und Ministerinnen in der Großen Koalition?

Die schwarz-gelbe Bundesregierung profitiert davon. Aber wir dürfen, wie ich finde, mit mehr Selbstbewusstsein über das reden und das darstellen, was uns in diesen letzten zehn Jahren gelungen ist.

Es hat an Herausforderungen nicht gefehlt, aber wir haben es heute mit einer neuen Qualität zu tun:

Kommt es in der weiteren Integration Europas möglicherweise zu der Abgabe nationaler souveräner Rechte auf europäische Institutionen? Das hätte sehr weitreichende Folgen, auch mit Blick auf das Grundgesetz.

Kommen wir voran mit der Rückgewinnung des Primats der Politik?
Können wir ein Auseinanderdriften von Arbeitsmarkt und der Gesellschaft verhindern?

Können wir die demografische Entwicklung in den Griff kriegen? Können wir die Lunte der Folgen dieser demografischen Entwicklung austreten?

Und gewinnen wir das Vertrauen, die politische Legitimation wieder zurück, indem wir den Menschen gegenüber glaubwürdiger auftreten als bisher, gegebenenfalls auch mit einem anderen politischen Stil?

Es geht also um ernsthafte Dinge, und es geht deshalb auch um ernsthafte Debattenbeiträge auf diesem Parteitag und nicht um die Befriedigung einer medialen Neugier.

Das ist die Erwartung von euch Delegierten, aber das ist auch der Anspruch der Menschen, die uns zuhören und die wir neugierig machen wollen auf die SPD. Genau das, liebe Genossinnen und Genossen, ist diesem Parteitag bisher hervorragend gelungen.

Die großen Fragen schließen nicht aus, sich über die aktuelle Politik zu erregen:
Ich ärgere mich mit euch über den schamlosen Betrug der CDU bei der Einführung einer Lohnuntergrenze auf ihrem letzten Parteitag.

Ich ärgere mich mit euch über die Zögerlichkeit, über das Taktieren bei der Einführung einer Umsatzsteuer auf Finanzgeschäfte, über die dämliche, fatale und skandalöse Fernhalteprämie, die unter integrationspolitischen, unter bildungspolitischen Gesichtspunkten, auch unter dem Gesichtspunkt der Förderung der Erwerbsfähigkeit von Frauen reiner Schwachsinn ist, die 2 Milliarden kostet - 2 Milliarden, die wir dringend für den Ausbau der Betreuungsinfrastruktur viel besser brauchen.

Ich ärgere mich mit euch über den fiskalischen, auch verteilungspolitischen Schwachsinn einer Steuersenkung - nichts anderes als ein Pausentee für die FDP auf der Wegstrecke bis zur nächsten Wahl.
Einige wollen denen vielleicht lieber einen Abführtee verpassen.

Ich bin mir ganz sicher, dass das, was Sigmar gestern gesagt hat, richtig ist, dass nämlich Wolfgang Schäuble täglich eine Kerze ins Fenster stellt - während der Adventszeit vielleicht zwei Kerzen -, dass die SPD im Bundesrat diesen Schwachsinn verhindert.

Ich ärgere mich nicht, aber ich bin empört über das entsetzliche Versagen der Sicherheitsbehörden und über die politische Blindheit gegenüber dem Rechtsterrorismus in Deutschland.

Die SPD aber, liebe Genossinnen und Genossen, weiß seit jeher, dass allein Empörung, allein gute Absichten, allein das gut Gemeinte, allein der moralische Impetus politisch noch nichts verändert und nichts verbessert.

Das kann nur demokratisch legitimierte Politik, also das gut Gemachte. Also muss die SPD Mehrheiten gewinnen, um Frau Merkel und die amtierende Bundesregierung in den Vorruhestand zu schicken.

Genau das muss das ganze Sinnen und Trachten der SPD sein: mit unseren Konzepten, mit unseren Beschlüssen, mit unserer öffentlichen Darstellung Regierungsfähigkeit zu belegen und Regierungswillen zu dokumentieren. Das muss unser Anliegen sein.

Das heißt aber auch, dass nach Beendigung dieses Parteitages jeder unserer Beschlüsse bei einer dann hoffentlich stattfindenden Regierungsübernahme den Realitätstest und den Robustheitstest gegenüber Einwänden bestehen können muss. Darüber müssen wir nachdenken bei jeder Beschlusslage.

Der Maßstab für unsere Regierungsfähigkeit, der Maßstab für unseren Regierungswillen, liebe Genossinnen und Genossen - da wird es etwas anstrengend -, ist nicht der Rückzug auf das Parteiverträgliche und nicht alleine unsere Selbstvergewisserung.

Der Maßstab ist die inhaltliche Öffnung auf eine sich verändernde Welt und eine sich verändernde Gesellschaft, die personelle Öffnung für ein breites Angebot unterschiedlicher politischer Charaktere und die organisatorische Öffnung hin auf eine Einladung an Interessierte und Engagierte in dieser Gesellschaft, die wir aber nicht gleich parteipolitisch verhaften wollen.

Mehrheiten gewinnen wir mit Angeboten, die über die Grenzen der SPD hinaus als vernünftig, als konsistent angesehen, von einer klaren politischen Haltung geprägt sind - und deshalb auf Zustimmung stoßen. Das gilt nicht nur, aber das gilt im Besonderen für den Bereich von Wirtschaft und Finanzen, wo die SPD - das tut ein bisschen weh - trotz unserer Leistung nach wie vor um die Anerkennung ihrer Kompetenz werben muss. Die Mobilisierung der Partei durch ein Identität stiftendes Programm und das
wertgeleitete Bekenntnis ist zweifellos eine notwendige Bedingung, um Wahlen zu gewinnen. Eine hinreichende Bedingung, liebe Genossinnen und Genossen, ist sie nicht, wenn sie über die Parteigänger und Sympathisanten der SPD hinaus nicht so viele Wähler wie Wählerinnen erreichen, dass sich dann eine Mehrheit für uns ergibt.

Nach der ergreifenden Rede von Helmut Schmidt und dem leidenschaftlichen pro-europäischen Plädoyer von Frank-Walter Steinmeier will ich meine Ausführungen zu Europa relativ kurz halten.

Ich bin davon überzeugt, dass ein Zerfall der Euro-Zone ziemlich schnell auch eine politische Renationalisierung zur Folge hätte - mit all den Risiken, die schon mehrfach von vielen angesprochen worden sind. Das würde die europäische Integration vor dem Hintergrund einer sich um uns herum deutlich verändernden Welt um Jahrzehnte zurückwerfen. Ich sage aber: Diese europäische Integration ist die Antwort auf 1945, mit meiner Generation als erster, die nicht in einem europäischen Krieg verheizt worden
ist, und sie ist die Antwort auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts - beides!

Wir müssen als Sozialdemokraten den Faden aufnehmen, der in diesem Parteitag von vielen gelegt worden ist, nicht zuletzt auch durch die Rede von Francois Hollande, durch den bemerkenswerten Auftritt von Jens Stoltenberg, durch die Teilnahme von Boris Tadic. Das heißt, wir müssen eine neue Erzählung über Europa entwerfen, die insbesondere auch die jüngere Generation packt - so wie viele von uns in den 60er-, in den 70er-Jahren von dieser europäischen Vision gepackt worden sind - und die gleichzeitig
unsere Bürger davon überzeugt, dass deutsche Solidarleistungen für dieses Europa richtig sind.

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