08.02.2011 Schülerinterview mit der IGS Stromberg

Gesamtschule – Erfolgsmodell Rheinland-Pfalz

Die Gesamtschule – ein Erfolgsmodell in Rheinland-Pfalz

Stromberg. Im dritten Teil der Interviewreihe zur Landtagswahl 2011 des Projektes „Schüler lesen Zeitung“ an der IGS Stromberg interviewte der Kurs „Kommunikation und Medien“, Klasse 7, den Landtagsabgeordneten Carsten Pörksen.

Was ist Ihnen in Ihrem Leben besonders wichtig und welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Besonders wichtig sind mir zwei Bereiche. Zum einen meine Familie, meine Kinder und meine Frau, mein Enkelkind. Zum anderen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die solidarisch ist. Das heißt, dass der eine auf den anderen Rücksicht nimmt, ihn akzeptiert und respektiert. Das habe ich zu Hause gelernt. Mein Vater war Pastor und die Nächstenliebe hat daher bei uns schon immer eine große Rolle gespielt. Diese Kindheit und Jugend hat mein gesellschaftliches Bild geprägt.

Meine beruflichen Pläne für die Zukunft sind die Kandidatur für den Landtag, um dort weiterhin Politik für die Menschen zu machen. Persönlich hoffe ich, dass ich noch viele Jahre lebe, um mit meiner Frau das eine oder andere unternehmen zu können, was bisher zu kurz gekommen ist.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Erstens habe ich nicht viel Freizeit. Im politischen Leben ist das leider so. Wir haben als hauptamtliche Politiker eine Sieben-Tage-Woche. Ich bin nicht nur von Montag bis Freitag unterwegs, sondern auch am Samstag und Sonntag, zum Beispiel auf Veranstaltungen, Besuchen bei verschiedensten Gruppierungen von den Kleingärtnern bis hin zu Gewerkschaften. Wenn ich Freizeit habe, verbringe ich die mit meiner Familie oder setze mich auf mein Fahrrad und fahre durch die Nahegegend. Wir haben eine wunderschöne Region, in der man sehr gut Fahrradfahren kann, ansonsten lese ich sehr gerne.

Ab wann wussten Sie, dass Sie Politiker/in werden möchten und warum haben Sie diese Berufswahl getroffen?

Ich war vor über 40 Jahren Student in Kiel. Ich habe Jura studiert. Damals haben wir uns in der Studentenbewegung gegen die Verhältnisse an der Uni zur Wehr gesetzt und haben abends bis tief in die Nacht diskutiert. Aus dieser Entwicklung heraus habe ich im Jahr 1969 beschlossen, mich politisch zu betätigen und bin in die SPD eingetreten. Damals wusste ich natürlich noch überhaupt nicht, dass ich irgendwann einmal in einem Landtag sein würde. Das war nie mein Ziel. Als Student habe ich mich in meinem Wohnort zusammen mit anderen jungen Menschen dafür eingesetzt, dass in dieser Stadt ein Jugendhaus gegründet wird. Das war ein sehr langer Prozess. Wir haben zwei Jahre dafür gekämpft und so bin ich in die Politik eingestiegen. Also indem ich mich vor Ort für Dinge eingesetzt habe, die ich für wichtig gehalten habe. Ich war dann viele Jahre in kommunalen Gremien, zum Beispiel im Stadtrat und Kreistag. 1991 bin ich dann in den Landtag gewählt worden. Das hatte ich zu diesem Zeitpunkt eigentlich gar nicht mehr vor. Ich bin nachgerückt für einen Kollegen, der damals in den Bundestag gewählt worden ist.

Warum ist eine starke SPD wichtig für Rheinland-Pfalz?

Eine starke SPD ist nicht nur wichtig für Rheinland-Pfalz, sondern auch für die Bundesrepublik. Die SPD steht für soziale Gerechtigkeit und das ergibt sich aus ihrer Geschichte als älteste Partei Deutschlands. Ich bin Zeit meines Berufslebens für Menschen tätig gewesen, die Hilfe benötigten. Zehn Jahre war ich Jurist beim Deutschen Gewerkschaftsbund und 25 Jahre war ich Geschäftsführer einer Wohnungsbaugesellschaft in Bad Kreuznach und habe dafür gesorgt, dass Menschen ohne Wohnung eine Wohnung bekommen können. Diese Aufgaben haben auch immer wieder mein politisches Leben bestimmt und die SPD ist für mich die Partei, die dafür sorgt, dass der soziale Ausgleich in unserem Land dort hergestellt wird, wo er nicht bereits existiert. Dass also nicht die Stärkeren die Schwächeren unterdrücken, sondern die Stärkeren den Schwächeren helfen.

Wer wäre ihr bevorzugter Koalitionspartner?

Das entscheidet man danach, wo die meisten Übereinstimmungen in den Vorstellungen sind. Das ist der theoretische Teil. Dann gibt es noch den Aspekt, mit wem man menschlich kann. Zum jetzigen Zeitpunkt neige ich daher am ehesten zu einer Zusammenarbeit mit den Grünen. Erstens, weil die Wahrscheinlichkeit, dass sie erheblich stärker werden als die FDP, sehr groß ist und die FDP sich politisch eher von der SPD weg entwickelt hat. Zweitens sehe ich inhaltlich die größeren Übereinstimmungen. Ein Beispiel ist die Politik zur Verhinderung der Klimakatastrophe oder die Energiepolitik. Ich halte zum Beispiel die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke für verantwortungslos, weil wir nicht wissen, wo wir mit dem ganzen Müll hin sollen. Auch in der Schulpolitik sehe ich starke Übereinstimmung zwischen SPD und Grünen. Mit der CDU kommt eine Koalition nicht in Frage. Das ist nicht zuletzt wegen der beteiligten Personen kaum denkbar.

Jugendliche interessieren sich laut aktueller Shell-Studie nur wenig für Politik und misstrauen politischen Parteien? Wie könnte man dies Ihrer Meinung nach ändern?

Hierbei muss man über die gesellschaftliche Entwicklung reden. Man muss sehen, wo die Interessen der Jugendlichen heute liegen und wie es für politisch handelnde möglich ist, Politik dorthin zu bringen, wo Jugendliche ihre Interessen sehen. Wenn man sieht wie politische Entscheidungsprozesse ablaufen, und zum Teil ablaufen müssen, ist es meiner Ansicht nach schwer, diese Entscheidungsprozesse an junge Menschen heran zu bringen. Das fängt bei den genutzten Medien, wie Handy und Internet an, zu denen junge Menschen einen viel leichtern Zugang haben.
Ein anderer Aspekt ist der Sprachgebrauch. Die Sprache hat sich auf beiden Seiten verändert. Auch Politiker reden oft so, dass man sie nur schwer versteht.
Es hat aber auch etwas zu tun, dass meine Generation, als sie noch jung war, sich stärker politisch interessiert hat. Heute fehlt zum Teil das Interesse an Politik im Elternhaus, was auch etwas damit zu tun hat, dass man heute kaum noch Zeitung liest. Junge Menschen nutzen sehr viel stärker Medien wie Internet und Fernsehen und dort wird Politik nicht in der Form dargebracht, dass man sich dafür stärker interessiert. Politik wird dort häufig skandalisiert, statt sachlich zu informieren.
Auch in der Schule muss man sich stärker engagieren. Dass ich heute hier bin, ist nicht die Regel. Diejenigen, die in der Politik stehen, ganz egal ob sie im Landtag, im Bundestag oder hier im Gemeinderat sind, sollten öfter in die Schule kommen, um politische Aufgabenbereiche und Ziele zu vermitteln. Diese Frage vollständig zu beantworten ist aber sehr, sehr schwierig. Ein Grundproblem ist die Schwierigkeit junge Menschen dafür zu begeistern, länger an einem Thema dran zu bleiben.

Wie sehen Sie das Schul- und Ausbildungssystem in Rheinland-Pfalz? Haben wir zu viele unterschiedliche Schularten?

Ich bin der Auffassung, dass wir ein gutes Schulsystem in Rheinland-Pfalz haben. Es ist sehr breit angelegt auch haben wir ein sehr gutes Ausbildungssystem.
Das gegliederte Schulsystem hat sich bewährt. Es gibt nur einen Punkt, an dem eine Veränderung erforderlich war und das war im Bereich der Hauptschule. Nicht weil das eine schlechte Schulart war. Im Gegenteil, ich bin der Auffassung, dass die Lehrerinnen und Lehrer an den Hauptschulen mit die besten Pädagogen sind, aber es gingen immer weniger Kinder auf die Hauptschulen und immer mehr Kinder auf die Realschulen und Gymnasien. Daraus musste man Konsequenzen ziehen und dies hat die SPD in Rheinland-Pfalz mit der Realschule Plus, also der Zusammenführung von Hauptschule und Realschule, gezogen.
Ich denke nicht, dass das Schulsystem in Rheinland-Pfalz weiter zergliedert werden sollte, zumal dies ohnehin untypisch ist, wenn man sich andere Länder anschaut. Ein Beispiel sind die USA, die ein einheitliches Schulsystem mit Grundschule, fortführender Schule und darauf aufbauend eine zum „Abitur“ führende Schule. In Frankreich und England ist dies ähnlich. Deshalb war ich schon immer ein großer Anhänger der integrierten Gesamtschulen. Auch hier im Kreis mussten wir sehr um die integrierten Gesamtschulen kämpfen und diese Schule ist ein Beispiel, wie eine gute Schule aussehen kann. Das heißt jedoch nicht, dass wir überall integrierte Gesamtschulen gründen sollten. Eine entscheidende Voraussetzung ist, dass der Elternwille vorhanden ist und auch, dass die Lehrerschaft das bei der Umwandlung einer Schule möchte. Man darf aber auch die berufsbildende Schulen nicht vergessen, die nicht nur für die Ausbildung, sondern auch in wesentlichen Teilen für die Allgemeinbildung tätig sind.

Viele Bundesländer haben zentrale Abschlussprüfungen, wie stehen Sie zu diesem Thema?

Von einem Zentralabitur halte ich nichts. Entweder wir haben ein Schulsystem, das in der Hoheit der Länder liegt, oder wir machen die Abschlüsse bundeseinheitlich und dann brauchen wir keine Länderkultusministerien mehr. Ich denke, die Abschlüsse müssen vergleichbar sein. Sie müssen nicht gleich sein, d.h. wenn ich hier, zum Beispiel in Mathematik, mit „gut“ abschneide, dann muss das durchaus vergleichbar sein mit Baden-Württemberg. Ich denke aber, dass es das zu großen Teilen auch ist. Die Diskussion erscheint mir an den Haaren herbei gezogen. Länder wie Baden-Württemberg und Bayern schneiden in Vergleichen besser ab, weil dort eine sehr viel stärkere Auslese betrieben wird und man sich eben nicht in der Form um die Schwachen kümmert, wie das zum Beispiel an dieser Schule gemacht wird.

Der Schulabschluss in Deutschland, also auch in Rheinland-Pfalz, hängt sehr stark von der sozialen Herkunft ab. Wie könnte man diese Tatsache verändern?

Ich glaube, dass gerade die SPD in Rheinland-Pfalz dort Vorbild für andere ist, weil bei uns für alle Bildung vom Kindergarten bis zum Hochschulstudium beitragsfrei ist. Kinder müssen möglichst früh soziale Gefüge kennenlernen und das ist heute im Elternhaus, wo es oft nur noch sehr wenige oder keine Geschwister gibt, sehr schwierig. Das ist die Grundvoraussetzung, um nicht aufgrund des Geldbeutels von der Bildung ferngehalten zu werden; dies ist in Rheinland-Pfalz umgesetzt. In dieser Hinsicht sind wir auch mit der Schulbuchausleihe auf dem richtigen Weg. Der große Ausgabenposten der Eltern für die Schulbücher wird damit erheblich verringert.
Ein weiterer wichtiger Punkt in dieser Frage sind integrierte Gesamtschulen. Normalerweise wird sehr früh, in der Regel nach der vierten Klasse, aussortiert, in welche Schulart man geht. Viele Schüler durchlaufen jedoch eine Entwicklung, die nicht klar vorhersehbar ist und so wird unter Umständen früh ein Bildungsweg verbaut. Dies ist an einer integrierten Gesamtschule nicht der Fall. Dort kann man den Weg noch selbst finden.

Mittlerweile sind laut Shell-Studie Mädchen den Jungs in Sachen Bildung voraus. Welche Maßnahmen zur gezielten Förderungen von Jungen würden Sie treffen?

Diese Feststellung der Shell-Studie hat mich nicht überrascht. Um dies zu ändern, muss man zunächst wissen, wo die Ursachen liegen. Darauf kann ich keine klare Antwort geben. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass Mädchen ehrgeiziger sind. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass man in der Grundschule überwiegend durch Frauen unterrichtet wird. Ich glaube aber, dass auch in diesem Bereich die IGS Stromberg die richtige Antwort ist und nicht zum Beispiel die Selektion nach zum Beispiel Geschlecht.
Man muss allerdings auch sehen, dass in Führungspositionen in Unternehmen immer noch sehr viel mehr Männer zu finden sind. Auch in politischen Ämtern ist dies der Fall. Im Landtag sind von 101 Abgeordneten nur ca. 30% Frauen.

Wie würden Sie gezielt Jugendlichen mit Migrationshintergrund in der Schule helfen?

Ich halte die Diskussion über Menschen mit Migrationshintergrund in Wahlkampfzeiten für absolut gefährlich. Man erreicht damit nichts, was den Menschen hilft. Die Förderung ist oft auch nicht aufgrund der Migration notwendig. Es gibt häufig Handicaps, die deutsche Schüler genauso haben. Ich denke, dass man sehr früh damit anfangen muss, die Sprache zu lernen und da haben wir vielleicht in der Vergangenheit im Bereich der Kindergärten zu wenig getan. Wenn ein Kind mit 6 Jahren in die Schule geht, dann sollte es, wenn es nicht gerade kürzlich nach Deutschland gekommen ist, sondern hier geboren ist, neben der Muttersprache auch der deutschen Sprache mächtig sein. Bei uns nutzen 99% aller Kinder das letzte Kindergartenjahr und dort muss man ansetzen. Die Sprache ist der Schlüssel zu allen anderen Bereichen. Soweit es dann an den Schulen größere Anteile an Schülern mit Sprachdefiziten gibt, muss man diese auch dort gezielt neben der normalen Förderung fördern. Die Schulen müssen aber auch die notwendigen Mittel bekommen, um diesen Schülern helfen zu können. Auch hier ist die integrierte Gesamtschule oft besser als andere Schularten. Es ist auch ein Problem, das Schüler mit Migratonshintergrund häufig nicht an Gymnasien gehen.

Individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern wird zunehmend ein wichtiges Thema. Welche Maßnahmen müssen ihrer Meinung nach getroffen werden, um eine solche Förderung zu verstärken und in welcher Schulart kann dies ihrer Meinung nach am besten gelingen?

Ich halte die individuelle Förderung für ein Muss und diese gelingt an integrierten Gesamtschulen am allerbesten. Es gibt auch andere Schulen, die das gut machen, aber eine integrierte Gesamtschule reagiert in besonderer Weise auf individuelle Bedürfnisse von Schülerinnen und Schülern. Es ist allerdings auch völlig unumstritten, dass in Rheinland-Pfalz die Klassen zu groß sind. Individuelle Förderung kann nur gelingen, wenn die Klassen kleiner sind. Das werden wir ab 2011 umsetzen. In der Realschule Plus ist die Klassengröße ja bereits bei 25 Schülerinnen und Schülern.