13.11.2005 Rede Volkstrauertag

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Planiger Mitbürgerinnen und Mitbürger,

seit nunmehr sechzig Jahren stehen Menschen Jahr für Jahr an Gräben und Mahnmalen zum Gedenken an die Opfer des 1. und 2. Weltkrieges. Der von den Nazis in den 30´er Jahren eingeführte Heldengedenktag ist Gott sei Dank längst wieder zum Volkstrauertag geworden.

Denn es waren meistens keine Helden, sondern Opfer eines Menschen verachtenden Naziregimes oder eines größenwahnsinnigen Kaisers, die aufgrund wahnwitziger Ideen in den Tod getrieben wurden oder - total verblendet - sich ins eigene Unglück gestürzt haben. Natürlich stellt sich uns heute die Frage, können wir nach so langer Zeit noch trauern um unsere umgekommenen Verwandten, Freunde und Bekannten - schließlich liegt das Ende des 2. Weltkrieges bereits 2 Generationen zurück.

Damals nach dem Krieg, als viele noch verschollen waren oder sich in Kriegsgefangenschaft befanden, da war das anders. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Volkstrauertage in meiner Kindheit vor über 50 Jahren, als mein Vater im Gottesdienst die Namen derjenigen vorlas, die im 2. Weltkrieg und danach umgekommen waren. Die unendliche Trauer, ja Verzweiflung der Angehörigen brach immer wieder auf, aber sie war sicherlich notwendig, um das schier Unfassbare zu verarbeiten und zu verkraften.

Heute ist an die Stelle, zumindest aber neben der Trauer, die Mahnung, die Erinnerung getreten, damit sich Geschichte nicht wiederholt. Wir leben in Deutschland in einer Epoche des Friedens, wie wir sie bisher in unserer Geschichte noch nie erlebt haben; sogar eine friedliche Vereinigung hat sich vollzogen - früher undenkbar.

Ich bin sicher, wir Deutschen haben aus unserer Geschichte gelernt, aber wir müssen sie immer ins Gedächtnis der Menschen rufen, damit nicht politische Rattenfänger den Keim für Hass und Verachtung des Andersdenkenden oder –gläubigen, des Ausländers, des Aussiedlers legen können. Solchem Denken müssen wir entgegentreten, gerade an einem Tag wie heute, an dem wir derer gedenken, die aufgrund eines Rassen- und Größenwahns ihr Leben lassen mussten.

Unsere Jugend müssen wir in besonderer Weise ansprechen; nicht in dem Sinne, dass Schuldgefühle als Deutsche geweckt werden sollen, sondern mit dem Ziel, sie sensibel zu machen für gefährliche gesellschaftliche Entwicklungen. Wir dürfen nicht zulassen, dass z.B. Nazisymbole verniedlicht werden, indem z.B. Hitlerreden als Handyklingelton benutzt werden. Wer nur ein wenig geschichtsbewusst ist, kann und darf so etwas nicht billigen, ich jedenfalls will das nicht akzeptieren.

Wir in Deutschland haben jetzt 60 Jahre in Frieden leben können und wollen alles daran setzen, dass dies so bleibt. Das wird uns aber nur gelingen, wenn wir uns gemeinsam mit allen friedliebenden Völkern gegen den weltweiten Terrorismus zur Wehr setzen. Deshalb ist es richtig, dass unsere Soldaten in Afghanistan zum Erhalt des Friedens eingesetzt sind, auch wenn ich nicht verhehlen will, dass ich mich persönlich sehr schwer damit getan habe, als diese Entscheidung getroffen wurde.

Aber gerade aus unserer Verantwortung als Deutsche, die wir zwei Weltkriege angezettelt haben, durften uns der Übernahme von militärischen Aufgaben nicht entziehen, um Frieden zu sichern. Dies galt noch viel mehr bei deren Einsatz auf dem Balkan, praktisch vor unserer Haustür. Aber auch diese Entscheidung war nach meiner Meinung richtig. Wir durften nicht weiter zusehen, wie Völkermord auf dem Balkan praktisch von unseren Augen stattfand.

Wir können unseren Frieden nur erhalten, wenn wir unter dem Mandat der UN, und nur unter diesem, mit dafür sorgen, dass Konfliktherde in der Welt bekämpft werden. Aber, und das ist fast noch wichtiger, müssen wir die Ursachen von Konflikten und den Nährboden von Terrorismus viel stärker in den Blickwinkel nehmen.

Dies bedeutet die Bekämpfung von Not und Armut in vielen Teilen unserer Erde. Irgendwann werden es die Menschen auf der südlichen Weltkugel nicht mehr akzeptieren, dass wir, oft sogar auf ihre Kosten, in Wohlstand leben. Da gilt es, echte Friedensarbeit zu leisten.

Wir haben in Europa die besten Voraussetzungen geschaffen, um friedlich miteinander leben zu können. Grenzen sind gefallen, auch in den Köpfen.

Unsere Vorfahren würden mit Unverständnis reagieren, wenn wir ihnen dies, z.B. über das gute deutsch - französische Verhältnis erzählen würden, das sich nach zwei verheerenden Kriegen entwickelt hat.

Aber der äußere Frieden, der Frieden der Länder untereinander, ist das eine, genauso wichtig ist der innere Frieden.

Da haben uns die Geschehnisse in Frankreich in den letzten Tagen aufgeschreckt, auch wenn z.Z. ein wenig Ruhe eingekehrt zu sein scheint. Wer Menschen stigmatisiert, sie ausgrenzt, in Ghettos steckt und sie sich selbst überlässt, der darf sich nicht wundern, wenn Hass auf die Gesellschaft entsteht, der in Gewalt umschlägt.

Gedenken an die Toten der beiden Weltkriege in Deutschland und überall auf der Welt, genauso wie das Gedenken an die Opfer der vielen Kriege nach 1945 bis hin zum Krieg im Irak muss deshalb immer verbunden werden mit der Aufforderung, sich gegen Gleichgültigkeit, Hass und Gewalt zu wenden und gleichzeitig für Toleranz, Hilfsbereitschaft und Akzeptanz des Gegenübers zu werben.

Wir, die wir hier stehen, tragen sicherlich keine Schuld am Tod der Kriegsopfer, derer wir gedenken. Aber, liebe Bürgerinnen und Bürger, wie würden unsere Nachfahren über uns urteilen, wenn sich Geschichte doch wiederholte, weil wir sie in Vergessenheit geraten ließen, statt sie ständig in Erinnerung zu rufen.

Deshalb ist es wichtig und richtig, Gedenktage wie den 09. November, den Volkstrauertag und den 27. Januar entsprechend zu nutzen; aber genauso als Eltern, Großeltern oder sonstigen Verwandten und Bekannten mit Kindern und Jugendlichen über die Auswirkungen von Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Geschichtslosigkeit zu reden.

Wenn schon der Tod von Millionen von Kriegsopfern sinnlos war, so soll doch die Erinnerung an sie einen Sinn erfüllen, nämlich eine friedliche Welt im Inneren und nach außen zu erhalten bzw. zu schaffen.